Es gibt keine universelle Lösung, die bei jedem Baby gleich gut funktioniert und das kann in einer ohnehin erschöpften Phase frustrierend sein. Was hilft, ist Ausprobieren, Geduld und das Wissen, dass Du nicht allein damit bist. Hier sind Ansätze, die viele Familien als hilfreich erleben:
Nähe und Körperkontakt sind das Wichtigste. Dein Baby kennt deinen Herzschlag, Deine Wärme, Deinen Geruch und das alles beruhigt. Tragen im Tragetuch, sanftes Schaukeln, Halt geben durch Begrenzung des Körpers oder Pucken unter Aufsicht(!) können in einer akuten Schreiphase deutlich mehr bewirken als jedes Mittel aus der Apotheke.
Bauchmassagen im Uhrzeigersinn – also in Richtung des natürlichen Darmdurchgangs – können helfen, eingeschlossene Luft zu lösen. Ein bisschen Babyöl macht die Massage noch angenehmer.
Wärme tut gut: Ein angewärmtes Kirschkernkissen auf dem Bauch (niemals heiß, immer an der Handgelenksinnenseite testen!) oder ein warmes Bad können entspannen.
Weißes Rauschen erinnert Babys an die Geräuschkulisse im Mutterleib. Das monotone Summen eines Föhns, einer Waschmaschine oder einer speziellen App kann überraschend schnell beruhigend wirken.
Routinen schaffen Struktur, Sicherheit und Geborgenheit. Babys sind oft sehr empfindlich gegenüber zu vielen Eindrücken, Anregung und Unruhe, daher helfen wiederkehrende Abläufe Deinem Baby, einen Rhythmus zu finden und zur Ruhe zu kommen.
Bewegungsunterstützendes Handling: Ein weiterer wichtiger, aber oft wenig bekannter Aspekt ist das sogenannte bewegungsunterstützende Handling. Damit ist ein Umgang mit Babys gemeint, bei dem ihre natürlichen Bewegungsmuster unterstützt werden. Statt Babys schnell hochzuheben oder passiv zu bewegen, werden ihre Bewegungen sanft geführt und begleitet.
Im Alltag kann das zum Beispiel bedeuten:
• das Baby über die Seite aufzunehmen und abzulegen
• Bewegungen langsam und vorhersehbar auszuführen
• dem Körper des Babys Stabilität und Orientierung zu geben
• Positionswechsel ruhig anzukündigen
Gerade sehr sensible Babys oder Schreibabys reagieren häufig stark auf plötzliche Lageveränderungen. Ein Grund dafür sind frühkindliche Reflexe wie der Moro-Reflex. Dabei handelt es sich um einen Schutzreflex: Wenn sich ein Baby plötzlich unsicher oder „fallend“ fühlt, breitet es reflexartig Arme und Beine aus und erschrickt. Passiert das häufig, kann das ohnehin empfindliche Nervensystem zusätzlich aktiviert werden. Ruhige, geführte Bewegungen und ein achtsames Handling können daher helfen, Babys mehr Sicherheit zu geben und unnötige Stressreaktionen zu reduzieren.
Reizreduktion im Alltag wird bei sehr sensiblen oder viel schreienden Babys häufig unterschätzt. Das Nervensystem eines Neugeborenen verarbeitet jeden Tag unzählige Eindrücke, wie Berührungen, Bewegungen, Geräusche, Licht, Gerüche. Manche Babys kommen damit relativ gut zurecht, andere reagieren deutlich empfindlicher auf solche Reize. Gerade bei Schreiphasen oder Regulationsschwierigkeiten kann es daher hilfreich sein, den Alltag bewusst etwas reizärmer zu gestalten.
Bequeme Kleidungsstücke, die genügend Bewegungsfreiheit lassen und wenig Druckstellen verursachen, können helfen, das kindliche Nervensystem zu schonen. Kleidung sollte daher möglichst weich, bequem und nicht einengend sein. Besonders an den Füßen und Händen kann zu enge Kleidung oder straffe Bündchen störend wirken. Wenn Stoff an den Füßen spannt oder ständig Druck ausübt, kann das für manche Babys unangenehm sein und zusätzliche Unruhe auslösen. Auch zu viel Bewegung oder Reiz an den Händen – etwa durch ständig verrutschende Ärmel – kann frühkindliche Reflexe aktivieren und das Baby immer wieder aus der Ruhe bringen.
Nicht jedes Baby reagiert auf dieselben Dinge. Oft hilft es, behutsam auszuprobieren, was dem eigenen Kind tatsächlich guttut.
Wenn du stillst, kann es sich lohnen, für eine Woche auf Kuhmilchprodukte, stark blähende Lebensmittel wie Kohl oder Hülsenfrüchte sowie auf starke Gewürze und Zitrusfrüchte zu verzichten und zu beobachten, ob sich etwas verändert. Das ist kein Muss, aber ein möglicher Ansatz, wenn du das Gefühl hast, dass bestimmte Lebensmittel Dein Baby belasten.
Rund um das Thema Koliken und Schreien kursieren viele Tipps und Hausmittel. Manche sind gut gemeint, haben aber keine gesicherte Wirkung oder sind für junge Babys sogar ungeeignet. Dazu gehören zum Beispiel:
Fenchel- oder Kamillentee wird bei vermeintlichen Bauchschmerzen noch immer häufig empfohlen. Für junge Säuglinge ist zusätzliche Flüssigkeit jedoch in der Regel nicht notwendig, da Muttermilch oder Säuglingsnahrung den Flüssigkeitsbedarf vollständig decken. Zudem ist das Nieren- und Elektrolytsystem von Babys noch unreif, sodass größere Mengen Wasser oder Tee den empfindlichen Flüssigkeits- und Salzhaushalt stören können. Eine nachgewiesene Wirkung von Tee auf Koliken oder Bauchschmerzen gibt es außerdem nicht und die zusätzliche Flüssigkeitsgabe kann sich langfristig sogar ungünstig auf das Ess- und Trinkverhalten auswirken. Fencheltee wird inzwischen zusätzlich kritischer gesehen, da Fenchel den Pflanzenstoff Estragol enthält, der in hohen Dosen als potenziell krebserregend und erbgutverändernd gilt. Deshalb wird aus Vorsorgegründen empfohlen, Fenchelprodukte nicht einzusetzen.
Verschiedene Kolikmittel aus der Apotheke werden bei „Dreimonatskoliken“ routinemäßig empfohlen, obwohl die wissenschaftliche Evidenz dafür sehr begrenzt ist. Einige können zwar bei bestimmten Beschwerden sinnvoll sein, lösen jedoch nicht automatisch die Ursache für anhaltendes Schreien.
Frühes Zufüttern oder häufiges Wechseln der Nahrung werden manchmal als schnelle Lösung vorgeschlagen. Tatsächlich kann häufiges Wechseln von Säuglingsnahrung den empfindlichen Verdauungstrakt sogar zusätzlich belasten.
„Das Baby schreien lassen, damit es sich selbst beruhigt“. Dieser Rat taucht noch immer auf, oft aus älteren Erziehungsvorstellungen heraus. Für junge Babys ist das jedoch keine hilfreiche Strategie, da sie ihre Stressreaktionen in der Regel noch nicht vollkommen eigenständig regulieren können.
Gerade beim Thema Schreien gilt: Es gibt selten eine einzige schnelle Lösung. Viel häufiger geht es darum, das Baby besser zu verstehen, mögliche Belastungsfaktoren zu reduzieren und gemeinsam Wege zu finden, die dem Kind und der Familie mehr Ruhe und Entlastung bringen.